Via Sacra. Nordböhmen auf den Spuren der Pilger entdecken
Eine Route, die drei Länder verbindet
Die Via Sacra ist eine außergewöhnliche, 550 Kilometer lange Pilger- und Touristenroute durch die Euroregion Neiße. Ihre Geschichte reicht bis in jene Zeit zurück, als die Region Teil der Via Regia war, einer bedeutenden Handels- und Pilgerstraße. Kaufleute, Pilger und Menschen auf der Suche nach neuen Ideen waren hier unterwegs – und mit ihnen überschritten auch Kultur, Traditionen und Glaubensvorstellungen die Grenzen.
Heute hat dieser historische Weg eine neue Form angenommen. Die Via Sacra verbindet Kulturstätten und Sakralbauten in Deutschland, Polen und Tschechien. Insgesamt umfasst die Route 20 Pilgerstationen – 9 in Deutschland, 3 in Polen und 8 in Tschechien. Jede erzählt ihre eigene Geschichte, während der Weg zwischen den einzelnen Stationen dazu einlädt, die Region im Rhythmus einer Wanderung zu entdecken.
Hejnice. Am Fuße des Isergebirges
Hejnice zählt seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten Nordböhmens. Einer Legende zufolge begann die Geschichte des hiesigen Wallfahrtsortes im 13. Jahrhundert, als ein armer Handwerker hier die wundersame Heilung seiner Familie erlebt haben soll. Die Nachricht davon zog schon bald weitere Pilger an, und die ursprünglich kleine Kapelle wurde im Laufe der Zeit mehrfach erweitert.
Heute bilden die Basilika Mariä Heimsuchung und das ehemalige Franziskanerkloster einen beeindruckenden Barockkomplex am Fuße des Isergebirges. Ein Ort für eine kurze Auszeit – und zugleich ein idealer Ausgangspunkt für weitere Wanderungen durch die Umgebung.
Liberec. Auf den Spuren der alten Stadt
In Liberec führt die Via Sacra zur kleinen barocken Kirche der Kreuzauffindung. Ihre Geschichte erinnert an eine Zeit, in der die Stadt von einer Pestepidemie heimgesucht wurde. Die Kirche entstand Ende des 17. Jahrhunderts neben einem neuen Friedhof außerhalb der damaligen Stadtmauern.
Im Inneren befindet sich eine wertvolle hölzerne Pietà, die über Jahrhunderte Tausende von Pilgern anzog. Sehenswert ist auch der Kirchgarten mit einer Pestsäule aus der Werkstatt von Matthias Bernhard Braun, den Stationen des Kreuzwegs und der Heilig-Grab-Kapelle.
Český Dub. Ein Geheimnis unter der Stadt
Eine der ungewöhnlichsten Geschichten entlang der Via Sacra verbirgt sich in Český Dub. Die Überreste einer mittelalterlichen Johanniterkommende gerieten über Jahrhunderte in Vergessenheit und wurden erst 1991 wiederentdeckt.
Die Kommende wurde im 13. Jahrhundert auf Initiative von Havel von Lemberk, dem Ehemann der heiligen Zdislava, gegründet. Bei späteren archäologischen Untersuchungen entdeckte man unter anderem ein wertvolles romanisches Kreuz, das mit Emaille und Edelsteinen verziert ist.
Besonders rätselhaft ist jedoch der Fundort. Das Grab, in dem das Kreuz entdeckt wurde, gehörte nicht, wie man vermuten könnte, einem Ordensritter, sondern einer Frau. Ihre Identität ist bis heute eines der Geheimnisse dieses außergewöhnlichen Ortes.
Horní Police. Eine Legende am Fluss
Eine weitere bedeutende Station auf dem tschechischen Abschnitt der Via Sacra ist die Kirche Mariä Heimsuchung in Horní Police. Der Ursprung der hiesigen Marienverehrung ist mit einer Legende aus dem 16. Jahrhundert verbunden, nach der am Ufer des Flusses Ploučnice eine Figur der schwangeren Jungfrau Maria gefunden wurde.
Rund um die Figur entwickelte sich schnell eine Wallfahrtstradition, und Horní Police wurde zu einem der meistbesuchten Wallfahrtsorte Nordböhmens. Die barocke Anlage wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut und ist nach einer umfassenden Restaurierung heute wieder für Pilger und Besucher geöffnet.
Jablonné v Podještědí. Auf den Spuren der heiligen Zdislava
Die Geschichte von Jablonné v Podještědí ist untrennbar mit der heiligen Zdislava verbunden, der Schutzpatronin der Familien, Armen und Kranken. Ihr Grab war bereits im Mittelalter Ziel zahlreicher Pilger. Anfang des 18. Jahrhunderts entstand über ihrer Grabstätte eine monumentale Kirche.
Nach der Heiligsprechung Zdislavas im Jahr 1995 erhielt die Kirche den Titel Basilica minor. Die Basilika des heiligen Laurentius und der heiligen Zdislava zählt heute zu den wichtigsten Stationen der Via Sacra auf tschechischer Seite. Die jahrhundertealte Wallfahrtstradition ist hier bis heute ein lebendiger Teil der Geschichte der Region.
Nicht nur für Pilger
Man muss nicht aus religiösen Gründen unterwegs sein, um die Via Sacra für sich zu entdecken. Die Route eröffnet einen besonderen Blick auf Nordböhmen – durch seine Geschichte, Architektur, Legenden und Orte, die seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle in der Region spielen.
Ob als Pilger, Wanderer, Geschichtsinteressierter oder einfach als Reisender auf der Suche nach einer weniger bekannten Route: Jede Station zeigt eine weitere Facette der Euroregion Neiße – von barocken Basiliken und ehemaligen Klöstern bis zu mittelalterlichen Überresten, die sich unter den Straßen einer Stadt verbergen.
Bei dieser Reise zählt das Ziel, doch mindestens ebenso wichtig ist der Weg dorthin. Die Via Sacra führt abseits der touristischen Hauptrouten, verbindet aktive Erholung mit spannenden Entdeckungen und macht die gemeinsame Geschichte dreier Nachbarländer erlebbar.